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Wir alle empfinden Mitgefühl für die Opfer von Gewalt. Aber was ist mit den Tätern? Anna Gamma schreibt über ihre Erfahrungen mit dem „teilnehmenden Dasein“ im Angesicht des Schreckens.
Oktober 2014. Die Herbstsonne wärmt, die Schatten werden größer, das bunte Laub und einzelne, kahl stehende Bäume künden vom kommenden Winter. Bosnien träumt vor sich hin. Beim näheren Hinsehen jedoch verblasst die Idylle. Armut wird sichtbar, genauso wie an vielen anderen Orten auf unserem Planeten, wo kaum Industrie angesiedelt ist. Auf der Straße kommt uns ein Pferdefuhrwerk entgegen, ein Verkehrsmittel, dass die Geschwindigkeit auf den Straßen merklich abbremst. Meine Gastgeberin lacht und meint, eine solche Entschleunigung würde auch Mitteleuropa gut tun. Und noch etwas nehme ich im tiefen Schauen dieses Landes wahr: ein schwerer, lähmender Mantel durchtränkt von Schuld und Scham scheint sich über das Land und seine Bewohnerinnen und Bewohnern zu legen. Darauf angesprochen, beginnen die Menschen zu reden. Sie erzählen von Vertreibung, Konzentrationslagern für Serben während des 2. Weltkriegs, ihre Vergeltung und Rache während des Bosnienkrieges in den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts, eine nie enden wollende Spirale von Opfer und Täter, von Brutalität und Gewalt, die weit zurück reicht in die vergangenen Jahrhunderte. Erschreckend auch zu hören, das viele Bosnier damit rechnen, dass ein nächster Krieg nah sei, aber noch fehle das Geld, um Waffen zu kaufen. Es brodelt unter der Oberfläche. Eine uralte Frage der Menschheit taucht in mir auf: Wird es kein Ende nehmen, wird sich die tödliche Spirale immer weiter drehen? Sind wir Menschen dazu verurteilt, Gewalt mit Gewalt zu vergelten? Und was wäre ein anderer Weg?
Teilnehmendes Dasein
1996 lud Bernie Glassman Roshi und seine verstorbene Frau Jishu Holmes Roshi zum ersten Bearing Witness Retreat (Teilnehmendes Dasein) nach Auschwitz ein. Für die beiden sind Orte wie Auschwitz, an denen ungeheuerliche Gräueltaten verübt wurden, die grössten Lehrmeister für das eigene Leben. Menschen aus vielen Ländern und verschiedenen spirituellen Traditionen folgten ihrem Ruf. Wir waren gekommen, um den Toten und den Überlebenden zu gedenken und für sie zu meditieren. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Nicht nur die Opfer waren allgegenwärtig. Dank der vielen Fotos im Museum und auf dem Gelände bekommen auch die Täter ein Gesicht. Und als Glassman Roshi dazu einlud, auch diese Menschen in unsere Meditation einzuschliessen, meldete sich massiver Widerstand. Wie kann man für Menschen beten, die kaltblütig andere Menschen in den Tod schickten? Doch das teilnehmende Dasein als eine der Leitlinien in der spirituellen Praxis der Peacemaker-Gemeinschaft kennt keine Grenzen. Es ist einfach nicht möglich, mit nur einer Seite in Berührung zu sein. Wer sich auf das Wagnis einlässt, sich von Orten und Menschen berühren zu lassen, die mit Gräueltaten verbunden sind, sieht sich mit der Zeit auch vor Täter stehend und aufgefordert nicht nur ihre Brutalität zu verurteilen, sondern die Last ihrer Schuld wahrzunehmen. Im tiefen Schauen in die Dunkelheit ihrer Geschichte, werden uns nicht selten die Augen geöffnet für generationsübergreifende Traumen. Sie sind häufig die Ursache für versteinerte Herzen. Sich um Opfer zu kümmern, entspricht einem spontanen menschlichen Bedürfnis. Doch wer kümmert sich um die Täter? Wer hilft ihnen, ihre Gewalttaten und Bosheiten nicht einfach hinter Mauern zu verstecken, um irgendwie weiter leben zu können, sondern Schuld und Scham anzuschauen, auszuhalten, sie zu betrauern, um Verzeihung zu bitten und sich selbst zu verzeihen, um schlussendlich einen Weg der Wiedergutmachung zu finden, der Opfer wie Täter befreit?
Sind wir Menschen dazu verurteilt, Gewalt mit Gewalt zu vergelten?
Noch einmal Bosnien
Ein junger Künstler aus Novi Sad stellt Porträts aus, immer dieselben sechs Gesichter in immer neuen Farbgebungen. Alle Gesichter versteinert, hart, bedrohlich ihr Anblick. Auf diese Tatsache angesprochen, meint der Galeriebesitzer, dass die porträtierten Männer wirklich so aussehen. Die meisten Männer hätten keine Kraft gehabt und niemand habe den Schuldigen beigestanden, die Tage im Krieg zu aufzuarbeiten, Todesängste einzugestehen und endlich über die verlorene, unbeschwerte Jugendzeit zu weinen. Abspaltung und Verleugnung führen zur Versteinerung. Andere wählten die Betäubung ihrer Not und vergifteten Körper und Seele durch Alkohol oder andere Drogen. Ein hoher Preis, den sie alle zahlen. Auf diesem Boden nähren sich Nationalismus und in der jungen Generation die Verherrlichung des Krieges. Eine gefährliche Mischung, nicht nur für den Balkan. Auch er fragt, ob es Menschen verdienen, die Schandtaten verübten, dass man sich um sie kümmert und ihnen hilft, die verlorene Würde und heitere Lebendigkeit und Schönheit im eigenen Leben wieder zu finden. In Gesprächen mit Kriegsveteranen wird deutlich, dass die Schuld für die Täter manchmal selbst zu groß erscheint, als dass sie Zuwendung und Mitgefühl verdient hätten.
Aussöhnen mit Tätern!?
Frieden im Großen wie im Kleinen ist erst dann nachhaltig, wenn auch Täter Befreiung von Scham und Schuld erfahren, und dies nicht erst im Jenseits, sondern heute und jetzt. Denn wenn Scham und Schuld sich über die Seele legen, geht die Verbindung zur inneren Mitte, zur eigenen Würde und zur Quelle der Liebe im eigenen Herzen verloren. Lebenswichtige Potenziale verkümmern, Einsamkeit in der Menschheitsfamilie und Isolation von der Mitwelt nehmen zu. Damit wird der destruktiven Aggression Tür und Tor geöffnet. Wer sich für das friedliche Zusammenleben engagieren will, hat zuerst einmal bei sich selbst zu beginnen. Wir sind herausgefordert, die eigenen destruktiven Persönlichkeitsanteile zu erkennen und anzunehmen. Ihre Integration ist Voraussetzung für die Transformation in aufbauende Kräfte. Diese Arbeit erfordert Mut. Es kann gelegentlich ein Gang durch erschreckende Tiefen des Menschseins sein. Mit jeder gelungenen Transformation stärken wir das Feld des Friedens. Es ist an der Zeit, dass wir durch die Hässlichkeit menschlicher Gewalt hindurchsehen lernen und die Liebe entdecken, die alles umfängt. Dann kann das in der Dunkelheit verkümmerte Licht wieder zum Leuchten kommen.
Author:
Dr. Anna Gamma
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