Der Dao-Moment

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

April 11, 2022

Featuring:
Jordan Hall
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Issue:
Ausgabe 34 / 2022
|
April 2022
Bewusste Netzwerke
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Neue Technologie und neues Bewusstsein

Wir haben eine neue Möglichkeit. Jordon Hall sieht in der Blockchain-Technologie des Web3 auch eine Chance für eine umfassendere Menschlichkeit. Wir könnten den großen Internetkonzernen autonome Felder selbstbestimmter und werteorientierter Netzwerke entgegensetzen. Doch die Technik selbst ist nicht die Lösung. Es braucht dafür auch ein neues Bewusstsein, in dem dialogische Felder zum Zentrum unserer Kultur werden.

evolve: Du sprichst vom »DAO-Moment« als einem Zeitfenster, das uns zur Verfügung steht, um eine Richtungsänderung in der globalen Kultur einzuleiten, indem wir die grundlegende Struktur der Technologie verändern. Was kennzeichnet diesen DAO-Moment?

Jordan Hall: Ich beziehe mich auf die Tatsache, dass wir uns an einem gewaltigen Wendepunkt unserer Technologie befinden. Wir stehen auch an einem Punkt, an dem sich das Bewusstsein zutiefst verändert. Diese Verschiebung in der Evolution des Bewusstseins zeichnet sich schon länger ab und manifestiert sich in vielfältiger Weise. Der DAO-Moment eröffnet jetzt die Möglichkeit, diese beiden Entwicklungsstränge von Technologie und Bewusstsein miteinander zu verbinden. Die Technologie kann uns befähigen, menschlicher zu werden. Sollte sich die Technologie dagegen weiterhin nach den Regeln der vorherrschenden kulturellen Logik der unbewussten Spieltheorie entwickeln – also eher wettbewerbs­orientiert und ausbeuterisch als ganzheitlich – ist das gefährlich. Aber DAOs beinhalten auch die Möglichkeit, eine neue Ebene der Koordinierung und des Zusammenwirkens für gemeinsame Ziele zu schaffen, die die ›starre‹ Energie der Technologie mit einer ursprünglichen, natürlichen, fließenden und komplexen Dynamik verbinden kann – was bedeutet, dass sie Ganzheit anstrebt.

Innewohnende Komplexität

e: Kannst du erklären, was eine DAO ist und wie sie zur technologischen Veränderung der globalen Gesellschaft beitragen könnte?

JH: Die soziale, institutionelle Welt, in der wir leben, wird durch die technischen Möglichkeiten definiert, durch die wir unser Leben gestalten. Ich bezeichne das als die technologische Schicht einer Gesellschaft. Die Briten waren beispielsweise in der Lage, auf der Grundlage einer Gruppe von gebildeten Bürokraten ein ganzes Imperium zu steuern. Die Bürokraten trugen diese Bezeichnung, weil sie in ihren Büros Papiere in Schubladen und Aktenordnern sortierten. Sie arbeiteten und regierten vom Schreibtisch aus. Das ist ein technisches Medium, das eine bestimmte Menge der Informationsverarbeitung ermöglicht und einen bestimmten Kommunikationsablauf erfordert. Beim Beispiel des britischen Imperiums muss man nicht nur Englisch beherrschen, sondern die Sprache des Empires, die man in Cambridge und Oxford gelernt hat. Und man muss mit den Buchhaltungsmethoden vertraut sein, die diese spezielle Koordinationsstruktur steuern.

Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir es mit »wicked problems« zu tun haben, also mit komplexen Herausforderungen, die sich mit unseren herkömmlichen Institutionen nicht mehr bewältigen lassen. Welche sind das? Es gibt die tribalen Lebensformen, es gibt bürokratische Institutionen, zu denen der Staat gehört, und den Markt. Die tribale oder indigene Lebensform ist für überschaubare Gruppen von bis zu 150 Menschen sehr wirkungsvoll, eignet sich aber nicht zur Lösung von globalen, komplexen Problemen. Auch das institutionelle Modell mit Staaten, Bürokratien und Regulierungsstrukturen, die durch formale institutionelle Normen und technokratische Prozesse vermittelt werden, kann diese Probleme nicht lösen. Ebenso können Märkte, mit denen wir als moderne Menschen einigermaßen vertraut sind, diese Probleme, die man auch als verknüpfte Hyperobjekte betrachten könnte, nicht lösen.

¬ DER DAO-MOMENT ERÖFFNET JETZT DIE MÖGLICHKEIT, DIE BEIDEN ENTWICKLUNGS­STRÄNGE VON TECHNOLOGIE UND BEWUSSTSEIN MITEINANDER ZU VERBINDEN. ¬

e: Was sind Hyperobjekte?

JH: Ein Hyperobjekt umfasst eine ihm innewohnende Komplexität mit vielfältigen Größenordnungen und verschiedenen Aspekten der Realität, die gleichzeitig geschehen und wirksam sind. Wir haben zum Beispiel den Klimawandel als ein Problem erkannt. Die technokratischen globalen Institutionen haben versucht, das Problem zu lösen, und sogar so etwas wie Emissionsrechte erfunden, um die Märkte zur Lösung des Problems zu nutzen. Aber das Klima ist ein Hyperobjekt, es umfasst viele Schichten komplexer ökologischer Beziehungen auf globaler Ebene. Und das Klima ist mit der Wirtschaft verflochten. Man wird den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, wenn man sich nicht mit den Auswirkungen der Tatsache beschäftigt, dass ein Wald, der abgeholzt und in ein Zuckerrohrfeld verwandelt wird, mehr wert ist als ein weiterlebender Wald. Es müssen also Strukturen geschaffen werden, die die Anreize so verändern, dass Umweltauswirkungen berücksichtigt werden. DAOs haben das Potenzial, so etwas zu erreichen.

Mensch und Maschine

e: Die DAO-Technologie, die mit der Funktionsweise von Krypto­währungen verbunden ist, ist nicht leicht zu verstehen. Kannst du sie uns erklären?

JH: Wir bewegen uns auf eine neue Ära zu, eine neue Art der Technologie mit Netzwerken, Computertechnologie, digitaler Kommunikation, dem sogenannten Web3. Es ist schwer, die Auswirkungen dieses Wandels wirklich zu verstehen.

Als zum Beispiel das Internet eingeführt wurde, dachten die Leute, wir könnten die Gelben Seiten einfach ins Internet verlagern, also die alte analoge Form kopieren und in die neue digitale Form überführen. Aber sobald das Internet etabliert war, entwickelte es sich weiter, wir verbesserten nicht mehr nur alte analoge Formen – wie die digitalen Gelben Seiten –, sondern wir entdeckten echte digitale Formen, wie Algorithmen, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten, und Technologien der Gesichtserkennung.

Jedes Mal, wenn wir eine neue Form der Technologie einführen, verwenden wir zunächst die alten Metaphern in den neuen Strukturen und entdecken dann erst die natürliche Form des Neuen. Dadurch werden die alten Formen von alten Mustern befreit, um selbst eine Transformation zu durchlaufen. Als sich die Märkte entwickelten, gaben die staatlichen Institutionen einen Großteil der Verantwortung an die Märkte ab. Der hierarchische, zentralisierte Staat musste nicht mehr ganze Volkswirtschaften kontrollieren. Er konnte jetzt vieles an den Markt abgeben und so Verantwortung verlagern. Auf diese Weise konnte er die Kontrolle, die er früher über das Leben der Menschen ausgeübt hatte, drastisch lockern und ein wesentlich höheres Maß an menschlicher Autonomie und Freiheit ermöglichen.

Deshalb müssen wir nicht nur über die Möglichkeiten der neuen Formen nachdenken, sondern auch über die Transformation der alten Formen. Ich bin der Auffassung, dass eine der Entwicklungen, die wir erleben werden, eine beträchtliche Zunahme von tribalen Formen des Organisierens sein wird, die auf Beziehung und Wechselwirkung basieren. Die DAO-Bewegung ist in vielerlei Hinsicht gleichsam ­eine spiralförmige Rückkehr zum Indigenen als eine Lebensform der Verbundenheit.

In der Moderne sind wir zu verkörperten Maschinen geworden. Wir sind zu dem Computer geworden, der wir eigentlich nicht sein sollten. Wir sind Menschen, und wir können der Maschine das überlassen, was die Maschine viel besser kann als wir – schneller, präziser, mit weniger Fehlern. Das befreit auch Institutionen von ihrem Ballast. Die meisten Bürokratien sind einfach überflüssig, denn Bürokratie ist lediglich der Versuch, das nachzuahmen, was Computer tun können. Aber sie versuchen es mithilfe von Menschen, mit hohen Kosten und sehr ineffektiv.

e: Das ist es also, was du mit dem Bewusstseinswandel meinst, den die DAOs unterstützen können – unsere Rückkehr zur Menschlichkeit in verbundenen Netzwerken. Wie funktioniert eine solche DAO?

JH: Nehmen wir ein Beispiel. Eine DAO hat sich auf die Herstellung von Komposterde spezialisiert. Die Gründer der DAO wollen ein System schaffen, in dem jeder, egal wo er sich befindet, ein Produzent von Komposterde werden kann, indem er sich an der Kompostierung beteiligt. In der DAO werden diese Personen als ›Bereitsteller‹ bezeichnet. Wer objektiv nachweisen kann, dass er über bestimmte Kapazitäten verfügt, kann sich in das Netzwerk einklinken und sagen: »Hey, ich stelle mein Land für die Kompostierung zur Verfügung. Ich werde das als Service betreiben.« Anstatt eine Genehmigung bei der örtlichen Aufsichtsbehörde einzuholen oder es einfach ungeregelt anzubieten, gibt es eine Struktur und Anleitungen, die Bestandteil der Mitgliedschaft in dieser DAO sind.

Dabei gilt es, drei Aspekte zu berücksichtigen. Erstens sagt jemand: »Ja, ich möchte an dem Prozess teilnehmen.« Zweitens gibt es Dinge, die streng objektiv verifiziert werden können, wie etwa die verschiedenen Technologien, die Teil der Infrastruktur sind. (Ich habe nachgewiesen, dass ich dieses Land tatsächlich besitze, dass es mir gehört, dass es zur Verfügung steht.) Drittens gibt es den subjektiven Aspekt, der sich auf uns Menschen bezieht. In diesem Fall bietest du deiner Gemeinde einen Service an, indem du diejenige Person bist, bei der andere Menschen ihre organischen Abfälle abgeben können und bei der diese dann kompostiert werden. Jeder, der sich bei der DAO anmeldet und sagt, dass er organische Abfälle abgeben will, übernimmt auch die Verantwortung dafür, zu überprüfen, dass du existierst und deine Arbeit gut machst. Man erhält Token (Wertmarken) als Anreiz dafür, Bioabfall abzuliefern, ihn zu kompostieren, die Komposterde zur Verfügung zu stellen usw.

¬ DAS KLIMA IST EIN HYPEROBJEKT, ES UMFASST ­VIELE SCHICHTEN KOMPLEXER ÖKOLOGISCHER BEZIEHUNGEN AUF GLOBALER EBENE.¬

Dieses Beispiel ist ziemlich einfach und überschaubar. Was die Sache aber schwierig macht, ist die Tatsache, dass wir bei DAOs an eine ganze Ökologie denken müssen. Wir müssen eine DAO im Kontext mit allen anderen DAOs sehen, mit denen sie in Beziehung steht. Es gibt also eine ganze Ökologie von DAOs. Und in dieser Ökologie werden Geld – oder Wert-Token – zu etwas anderem.

Das möchte ich an einem weiteren Beispiel verdeutlichen. Stellen wir uns eine DAO vor, die sich mit dem Problem der Mikroplastikteilchen im Meer beschäftigt. Es gibt eine andere DAO, die sich mit dem Problem der schwindenden Artenvielfalt in den Ozeanen beschäftigt. Und eine weitere DAO denkt über das Problem der Wiederherstellung von Korallenriffen in den Ozeanen nach, und noch eine andere, vielleicht von größerem Umfang, widmet sich der Gesamtgesundheit des Ozeans. Sie alle agieren in ihrem jeweiligen Bereich und nutzen die wirtschaftliche Möglichkeit von Anreizen – Belohnungssystemen –, um Token-Ströme zu erzeugen, die innerhalb einer bestimmten DAO zur Erfüllung der jeweiligen Aufgabe und dann über verschiedene DAOs hinweg auch für andere Dienstleistungen verwendet werden.

Um sich vorzustellen, wie das in der Praxis funktioniert, kann man Yelp als Beispiel heranziehen, ein US-amerikanisches Internetportal, das ein bisschen wie eine hochzentralisierte DAO funktioniert. Yelp ist so etwas wie TripAdvisor, Airbnb oder eBay. Das Portal führt Menschen und Restaurants zusammen. Das System weiß nicht, ob du wirklich ein Restaurant besitzt und wie gut es ist. Aber die Kunden können Daten und qualitative Bewertungen von Restaurants bereitstellen, die in einer von Yelp kontrollierten Computerinfrastruktur gespeichert werden. Das Problem ist, dass dieser Dienst vom Unternehmen selbst kontrolliert wird. Bei Yelp gibt es den falschen Anreiz, so viel Profit wie möglich abzuschöpfen und diesen an seine Aktionäre auszuschütten. Würde man Yelp als DAO strukturieren, dann ­wäre das Unternehmen so angelegt, dass es nur einen Anreiz hat, nämlich den Wert zu schaffen, den die Mitglieder wirklich wollen. Der Wert für Restaurants besteht darin, dass Menschen sie besuchen und dort essen. Der Wert für die Gäste besteht darin, dass sie das bestmögliche Restauranterlebnis erhalten. Und das würde durch die Mitgliedschaft in der DAO gewährleistet werden.

Netzwerke für Gemeinwohl

e: Kannst du konkreter erläutern, wie sich eine DAO von den derzeitigen gewinnorientierten Unternehmensanreizen unterscheidet?

JH: Unternehmen wie Google, Amazon oder eBay folgen einem bestimmten Kurvenverlauf in ihrer Entwicklung. Zunächst gibt es eine Phase, in der in technische Lösungen investiert wird, um herauszufinden, wie man den angestrebten Service gut und in konsistenter Qualität erbringen kann. Dann gibt es eine Phase, in der man das herausgefunden hat und es dann einfach in großem Maßstab umsetzt. Und dann kommt der Punkt, ab dem das Unternehmen versucht, so viel Wert wie möglich zu schöpfen und möglichst den gesamten Marktanteil zu gewinnen. Man versucht, eine Monopolstellung zu erreichen und diese dazu zu nutzen, den größtmöglichen Wert auszuschöpfen. In der Folge wird alles Mögliche hergestellt, was eigentlich keiner braucht. Wie man bei Apple sehen kann, wird das Sortiment um immer mehr Dinge ergänzt, die eigentlich niemand braucht. Aber man muss einfach immer neue Produkte kreieren, um auf dem Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist der Kontext im Kapitalismus, in dem die Anreize nicht dem Gemeinwohl, den wirklichen Bedürfnissen des Einzelnen dienen.

Aber bei der DAO gibt es diese sinnlose Fortsetzung nicht, sobald die technische Ebene so ausgereift ist, wie sie sein muss, um den angestrebten Wert zu liefern. Eine DAO ist in der Lage, die Ressourcen anzuziehen, die sie benötigt, um ihre Entwicklungsfähigkeit zu erhalten und den Wert zu liefern, für die sie gedacht ist. Aber eine DAO hat keinen Anreiz, mehr zu sein als genau das, was sie ist – und darin liegt der Schlüssel.

e: Du sagst, dass das Neue an DAOs ist, dass sie nicht für Investoren oder Aktionäre arbeiten, sondern für die Gemeinschaft. Wie tun sie das?

JH: Bleiben wir bei Yelp. Yelp ist letzten Endes eine Technologie. Die Frage ist: Was ist der Anreiz für mich, mein Feedback zu einem Restaurant abzugeben? Manche Leute machen das einfach gerne. Meine eigentliche Motivation ist es, Lokale zu bewerten, in denen ich mich wohlfühle. Ich empfinde das als ein Geschenk an die Allgemeinheit. So trägt Yelp tatsächlich zur Schaffung eines Gemeinguts bei, das von unserer inneren Motivationsstruktur angetrieben wird.

Wie könnte man so etwas als DAO aufbauen? Erstens, indem man den Risikokapitalgeber und das Unternehmen weglässt. Stattdessen gibt es Gründer, die ein Potenzial sehen. Ihre Motivation könnte darin bestehen, mit etwas belohnt zu werden, das in anderen Aspekten ihres Lebens von Wert ist, weil sie ihre Zeit dazu nutzen, etwas aufzubauen, das einen weit über ihren persönlichen Nutzen hinausgehenden Wert hat. Dazu wird ein neues Token-System geschaffen. Wenn dieser Service häufig von Menschen genutzt wird, haben die Token in Zukunft einen höheren Wert. Ich erhalte meine Token, indem ich der DAO einen Wert zur Verfügung stelle, z. B. indem ich Restaurants bewerte. Wenn die DAO angenommen und von den Menschen in Anspruch genommen wird, werden diese Token liquide. Das bedeutet, dass sie einen Wert entwickeln, den ich dann gegen andere Dinge außerhalb der DAO eintauschen kann. Es gibt natürlich noch mehr Vorteile, aber das ist die Grundidee.

Intelligente Verträge

e: Soweit ich weiß, können DAOs bisher keineswegs Geld, Bürokratie und Unternehmen ersetzen, wie du hier andeutest. Welche Hürden gibt es da zu überwinden?

JH: Identität. Was ich mit Identität meine, ist ein Punkt, der eindeutig mit einem tatsächlich existierenden Menschen verbunden ist. Es muss einen Weg geben, um nachzuweisen, dass du tatsächlich du bist – und zwar auf eine Weise, die für ein nicht-menschliches Computersystem lesbar ist. Heute hat man einen Reisepass und einen Führerschein, auf dem steht, dass man die Person ist, als die man sich ausgibt, und das verschafft uns Zugang zu bestimmten institutionellen Möglichkeiten. Im technischen Umfeld von DAOs, die wie Bitcoin mit der Blockchain arbeiten, hat man eine technische Identität, die besagt, dass dieser Ort im digitalen Raum, diese Wallet in Bitcoin z. B. Thomas ist. Und diese technische Identität eröffnet ein Potenzial für Betrügereien. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine Möglichkeit, ­eine sichere Identität zu schaffen, die Token und Aktivitäten in DAOs mit tatsächlichen Menschen verknüpft.

e: Wenn man nicht sicher sein kann, dass Menschen hinter den Token stecken, die sie besitzen, wie wird dann die Beziehung von Mensch zu Mensch in diese neue Netzwerktechnologie eingebettet?

JH: Es gibt noch eine weitere Ebene dieser Technologie, die man bei Ethereum sehen kann, nämlich intelligente Verträge. Das ist sehr, sehr einfach. Wenn ich in einem E-Mail-Programm auf den »Senden«-Knopf drücke, werden damit Prozesse ausgelöst. Man könnte also sagen, dass diese Prozesse in gewissem Sinne Vereinbarungen sind, die in den Code eingeschrieben wurden. Ich stimme zu, dass, wenn ich auf »Senden« klicke, eine ganze Reihe von Dingen passiert, die schließlich dazu führt, dass meine E-Mail auf deinem Desktop landet. Im Kontext von DAOs können große Teile der Relationalität auf dieser Ebene der Kausalität abgebildet werden. Aber nicht alles. Ich möchte definitiv nicht, dass die Beziehung zwischen meiner Frau und meiner Tochter durch Technologie vermittelt wird. Ich möchte, dass die Technologie einen Raum schafft, der es uns ermöglicht, ganz Mensch zu sein.

¬ WIR HABEN DEN SINN FÜR DAS GEMEINGUT VERLOREN. ¬

e: Welche Dinge eignen sich gut dazu, sie in diese intelligente Vertragsebene zu verlagern?

JH: Die meisten Dinge, die derzeit von der Bürokratie erledigt werden. Bürokratien versuchen, uns in Maschinen zu verwandeln. Das können wir abschaffen – wir brauchen keine Menschen mehr für die Bürokratie. Die Technik dazu muss entwickelt werden, aber wir entwerfen sie. Und das Design muss die Entwicklungsfähigkeit des Technischen in den Mittelpunkt stellen.

Aber wenn das einmal läuft, kann es den Menschen viel Verantwortung abnehmen. Das geschieht in einem System, das genau das tut, wofür es entworfen wurde. Unsere Aufgabe ist es dann, die Frage zu beantworten: Wie stellen wir sicher, dass das System tatsächlich Gutes umsetzt?

Verantwortung für das Ganze

e: Was wird durch diese Befreiung des Menschlichen möglich?

JH: In den letzten 500 Jahren haben wir die Gemeingüter zerstört – Luft, Wasser, Boden, Lebensräume und Bioregionen. Und leider haben wir auch das gemeinschaftliche, bedürfnisorientierte Tun und Sein (commoning) zerstört. Wir haben den Aspekt des Bewusstseins zerstört, der unsere Verhaltensentscheidungen im Kontext des schöpferischen Gemeinguts lenken könnte. Wir leben also weitgehend unbewusst. Wir werden überwiegend von den Anreizen der Märkte und in geringerem Maße von den Anreizen der Bürokratien gesteuert, die aber auch nicht hilfreicher sind.

Wenn wir die DOA-Energie in Kryptowährung oder Web3 nutzen, wird sie unbewusst wirken. Wir werden dann DAOs entwickeln, die den Gesetzen des Risikokapitalismus folgen und nützliche Dinge für den Markt hervorbringen. Und das ist gut so, solange diese Aktivitäten nicht das Zentrum bilden.

Die alternative Option wäre, DAOs für das Gemeinwohl und das Gemeingut zu nutzen. Dazu braucht es die bewusste Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit und Energie darauf, insbesondere auf die information commons – Wissenszentren, die ihre Ressourcen und Dienstleistungen gebündelt an einem Ort anbieten.

Wir müssen uns auf das gesamte Spektrum an Designs, Anreizlandschaften, Weisheiten, Praktiken, Prinzipien und kulturellen Elementen konzentrieren, die – in ihrer Gesamtheit – die Generatorfunktionen von DAOs anregen. Das heißt, dass die DAOs selbst Lösungen für reale Probleme in Bereichen hervorbringen, die durchgängig von dieser Kontinuität gesteuert werden.

e: Das bringt uns zurück zum DAO-Moment. Wenn wir nicht aufmerksam sind, Beziehungen ins Zentrum stellen und das Gemeingut zur Priorität machen, werden wir das Potenzial dieser neuen technologischen Ebene den Risikokapitalgebern und den bestehenden Finanzmärkten überlassen.

¬ ICH MÖCHTE, DASS DIE TECHNOLOGIE EINEN RAUM SCHAFFT, DER ES UNS ERMÖGLICHT, GANZ MENSCH ZU SEIN. ¬

JH: Ja, wir haben den Sinn für das Gemeingut verloren. Fünfhundert Jahre Krieg gegen das Gemeingut liegen hinter uns. Wir müssen es wiederbeleben, aber es wird nicht wie von Zauberhand gelingen. Der Raum ist gegeben, aber das reicht nicht – und das zu erkennen ist wichtig, deshalb ist der DAO-Moment so entscheidend.

Wenn man es mit Komplexität zu tun hat, ist alles mit allem verwoben. Wesentlich dabei ist, dass es einen neuen Modus gibt, der als Netzwerk bezeichnet wird und der die Fähigkeit bieten kann, die »wicked problems«, mit denen wir konfrontiert sind, zu lösen. Das bedeutet, dass wir Verantwortung für das Ganze übernehmen, was die gesamte Natur und den gesamten menschlichen Aspekt der Natur einschließt.

Stell dir das folgendermaßen vor: Du kletterst an einer Felswand und es gibt einen möglichen Griffpunkt, der aber weit entfernt ist. Du kannst ihn nur erreichen, wenn du dich wirklich anstrengst, bevor du zu schwach wirst. Je länger du wartest, desto schwächer wirst du und desto unwahrscheinlicher wird es, dass du ihn erreichst. Du befindest dich an diesem bestimmten Punkt, der von dem Engagement und dem Bewusstsein desjenigen abhängt, der in Beziehung zu diesem Potenzial lebt. Ob ich den nächsten Griffpunkt erreiche, hängt von meiner Interaktion mit ihm ab. Genau so ist der DAO-Moment. Wie bei dem Beispiel mit dem Kletterer liegt die Entscheidung bei uns. Wir befinden uns in diesem DAO-Moment. Können wir diese neue Technologie auf den Weg bringen, den wir verwirklicht sehen möchten?

Author:
Dr. Thomas Steininger
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