Ein Schlüssel zur Welt

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

April 21, 2017

Featuring:
Jost Schieren
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Ausgabe 14 / 2017:
|
April 2017
Leben lernen
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Bildung, Freiheit und Spiritualität

»Dieses Aufschließen für die Welt, die Begegnung mit der Welt ist der eigentliche Kern des Bildungsprozesses«, erklärt Jost Schieren, Professor für Schulpädagogik an der Alanus Universität. Wir sprachen mit ihm über die Geschichte der Bildung und seine Arbeit mit einem Bildungsverständnis, in dessen Zentrum die unmittelbare Erfahrung der Welt und die Entfaltung von Freiheit und Sinn stehen.

evolve: Bildung ist ein sehr allgemeiner Begriff und es gibt die unterschiedlichsten Vorstellungen, was damit gemeint ist. Wie würdest du den Begriff Bildung beschreiben?

Jost Schieren: Der Begriff steht in gewisser Weise in einem Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft. Je nach dem Bereich, den man hervorhebt, wird Bildung anders verstanden. Steht der gesellschaftliche Faktor im Fokus, wird die Bildung eher formal und standardisiert. Es werden Ziele formuliert und gesellschaftlich festgelegt. Dann werden in den entsprechenden Institutionen (Schulen, Universitäten) die Maßnahmen ergriffen, die nötig sind, um diese Ziele zu erreichen. Obwohl diese formalisierte Art der Bildung ihre Berechtigung hat, wurde vor allem seit der PISA- Studie unser Verständnis von Bildung stark eingeengt.

Auf der anderen Seite gibt es eine Bildung, in deren Zentrum die Persönlichkeit steht, wie es beispielsweise in der Reformpädagogik umgesetzt wird. Hier steht der einzelne Mensch, das Individuum, im Zentrum, und Bildung konzentriert sich auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Normierungen und Standardisierungen greifen hier weniger, denn man geht mit etwas um, was zunächst einmal noch nicht da ist. Die Bildung der Persönlichkeit entfaltet sich erst im Laufe der Zeit. Das ist ein offenes Verständnis von Bildung, das weniger technokratisch und dadurch natürlich auch schwerer zu handhaben ist.

¬Freiheit wird bis heute anti-spirituell gedacht. ¬

Hinzu kommt noch die Sachebene, denn es ist letztendlich das Zusammenkommen von Person und Sache, das den Prozess der Bildung ermöglicht. Dieses Aufschließen für die Welt, die Begegnung mit der Welt, sei es in Form von Geschichte oder Naturwissenschaften, ist der eigentliche Kern des Bildungsprozesses. Das Subjekt findet in der Objektwelt etwas, an dem es sich bildet. Dieses »an den Dingen lernen oder aufwachen« ist essenziell für die Bildung, denn damit beginnt das Subjekt, sich objektiv in Weltzusammenhänge zu integrieren. Und neben der Kognition – Verstehen, Begreifen, intellektuelles Erfassen – würde ich Bildung immer auch auf die Ebene der Fähigkeiten und Kompetenzen des Menschen erweitern. So entsteht ein ganzheitliches Verständnis von Bildung.

Ein weiterer Punkt wäre die Frage des Moralischen. Im Mittel- alter war Bildung moralische Bildung, religiöse Bildung. Im nachreligiösen Zeitalter der Aufklärung ist dieser Aspekt weg- gefallen und es kam die intellektuelle Bildung. Heute stehen wir vor der Frage, wie moralische Bildung erfolgen kann, ohne moralistisch zu sein.

Die Kreativität des Einzelnen

e: Wie würdest du das Bildungsverständnis des Mittelalters beschreiben und was hat sich durch die Aufklärung und bis heute entwickelt?

JS: Im Mittelalter wurde Bildung fast gleichgesetzt mit religiöser Bildung oder mit religiöser Erziehung. Hauptinteresse und -ziel der Bildung war es, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen, das seine Früchte erst nach dem Tod tragen würde. Erst dann würde sich der Wert der Bildung beweisen. Durch die Aufklärung wurde die selbstständig denkende Seele ins Zentrum der Bildung gestellt. Bildung wurde zu einer gesellschaftlichen Angelegenheit. Schulen wurden gegründet, die Bildung der Vernunft stand im Vordergrund. Ein humanistisches Verständnis von Bildung hat sich entwickelt, das bis heute fortwirkt. Auf Deutschland bezogen muss man bedenken, dass das öffentliche Bildungssystem über lange Zeit durch die militärische Erziehung geprägt war. Mit dem Kaiserreich kehrte der Nationalgedanke in die Bildung ein; Schule, Bildung, Ausbildung wurden militärisch gedacht und organisiert. Das ist bis heute leider noch nicht ganz aus den Klassenzimmern verschwunden.

Als großer Gegenentwurf entstand die Reformpädagogik. ­Alle Reformpädagogen sind sich einig, dass Bildung vom einzelnen Menschen ausgehen und den einzelnen Menschen meinen muss. Im Mittelpunkt steht eine Intuition der menschlichen Individualität. Eine Intuition, die bereits in der Aufklärung durch die Betonung des einzelnen Subjektes veranlagt wurde. Die Kreativität des Individuums spielt plötzlich eine enorm wichtige Rolle. Alle reformpädagogischen Ansätze betonen die Kreativität, das Schöpferische im Einzelnen. Die Aufgabe der Bildung ist, kreative Persönlichkeiten zu fördern.

Heute erleben wir etwas radikal Neues, das in den letzten 20 Jahren durch die Globalisierung und den Neoliberalismus entstanden ist: Bildung steht unter dem Diktat der Ökonomie. Das bedeutet einen Bruch mit den bisherigen Bildungstraditionen, denn so klein hat man Bildung bisher nicht gedacht. Verursacht ist ein solches Bildungsverständnis durch die Angst um den Verlust von Wohlstand und den Wunsch der Wohlstandserhaltung.

Ökonomisierung der Bildung

e: Denkst du, dass dieser Bruch tatsächlich erst in den letzten ­Jahrzehnten passiert ist?

JS: Ja, der humanistische Bildungsbegriff hat lange gewirkt und erst mit der PISA-2000-Studie entstand in Deutschland ein radikales Umdenken. An den Universitäten wurde der Bologna-Prozess eingeführt und in den Schulen der PISA-Prozess. Seitdem dominieren Mess- und Evaluationsverfahren die gesamte Bildung vom Kindergarten bis in die Hochschule, ohne dass man sich darüber Gedanken macht, ob Bildung überhaupt messbar ist oder was denn da messbar ist. Die Fragwürdigkeit der eingesetzten Instrumente wird kaum reflektiert und dieses rein ökonomische Bildungsverständnis wird politisch mit einer enormen Kraft seitens der OECD in die Ministerien hineingebracht.

¬Wichtig ist, dass die Bildung sinnorientiert ist, dass Sinnerlebnisse erfahren werden können. ¬

Diese Berechenbarkeit ist die technokratische Umsetzung des ökonomischen Denkens. Im gesamten modernen naturwissenschaftlichen Bereich finden sich das Ideal und diese Hybris der allberechenbaren Welt und diese werden als Instrument bis in die Bildung hineingetragen.

e: Du hast am Anfang vier Punkte genannt – gesellschaftliche Bedürfnisse, Persönlichkeitsbildung, Sachorientierung und moralische Bildung – und hast dabei angesprochen, dass die gesellschaftlichen Bedürfnisse auch ihre Berechtigung haben. Gilt das auch für die Ökonomisierung der Bildung, insofern als hier der gesellschaftliche Anspruch an Bildung besteht, einen wie auch immer funktionierenden Menschen auszubilden, der im ökonomischen Gefüge nützlich ist?

JS: Das ist eine interessante Frage. Natürlich ist man in der Schule oder Hochschule dazu verpflichtet, Bildungsprozesse zu initiieren, die als Ergebnis die Absolventen voll befähigen, Berufe zu ergreifen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Ziel unterscheidet sich eine ökonomische also nicht von einer personalen Bildung. Der Unterschied besteht darin, wie dieses Ziel erreicht wird. Auch wenn es darauf ankommt, Menschen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit vorzubereiten, ist es wichtig, den Menschen im Blick zu behalten. Der Faktor Zeit kommt hier ins Spiel, der sich in einer ökonomischen und personalen Bildung stark voneinander unterscheidet. Eine ökonomisch geprägte Bildung geht davon aus, dass der Prozess des Lernens viel schneller gehen sollte und durch strenge Bewertungsmaßstäbe und Testverfahren erreicht wird. Die personale Bildung erkennt hingegen, dass jeder Mensch die Prozesse der Bildung in individuellen Zeitformen gestalten können muss und nicht in Zeitraster gepresst werden darf. Außerdem kommt hinzu, dass Bildung nicht mit Selektion vereinbar ist, sondern Andersartigkeiten schätzen sollte. Es geht bei personaler Bildung also um eine Entlastung im Hinblick auf Zeit und im Hinblick auf Bewertung. Und es geht um bestmögliche individuelle Förderung. Das sind Ideale, die durch den ökonomischen Bildungsbegriff nicht gewährleistet sind, denn dabei wird mit dem Raster Zeit/Bewertung/Selektion gearbeitet.

Bildung zur Freiheit

e: Personale Bildung konzentriert sich auf den einzelnen Menschen und möchte ihn in seiner Eigentümlichkeit verstehen. Damit kommt man auch in die spirituelle Dimension, im Gegensatz zu einem rein funktionellen Menschenverständnis. In diesem Sinn steht personale Bildung auf einem anderen Fundament, wenn sie fragt: »Wen bilden wir denn eigentlich und was will gebildet werden, jenseits einer gesellschaftlichen und ökonomischen Erfordernis?«

JS: Ich möchte hier den konkreten Begriff der Freiheit nennen. Wenn ich den Menschen so verstehe, dass er das Produkt seiner Umwelt – seiner Gene, seiner Eltern, seiner Erziehung, seiner Umgebung usw. – ist, dann handele ich letztlich aus einem kausalistischen, unfreien Menschenbild. Und das erfordert eine Bildung, die entsprechend Einfluss nimmt und die Umweltverhältnisse so einrichtet, dass am Ende ein erwünschtes Produkt herauskommt. Sobald ich die Freiheit ernst nehme und dem Menschen Freiheit zutraue, wird Bildung anders verlaufen, weil sie Räume schafft, in denen freie Entwicklungsprozesse des Individuums möglich werden. Der Kern der personalen Bildung ist, dass man von der Möglichkeit eines autonomen freien Wesenskerns im Menschen ausgeht.

e: Ist die spirituelle Dimension der Bildung und diese Dimension der Freiheit für dich das Gleiche oder sind das zwei verschiedene Ansätze?

JS: Wenn man sich den philosophischen Diskurs über diese beiden Dimensionen ansieht, hat man es mit sich fast ausschließenden Begriffen zu tun. Die Aufklärung hat das Ideal der Freiheit formuliert und es gewissermaßen gegen die Spiritualität – also eine irgendwie geartete höhere Macht, die bestimmend wirkt – gestellt. Man hat sich gegen die Kirche, die Religion, also gegen etwas spirituell Gegebenes gewendet und die Freiheit des Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Und seitdem wird Freiheit bis heute anti-spirituell gedacht. Die Gegner der Religion und Spiritualität argumentieren damit, dass Spiritualität Freiheit nicht zuließe, weil sie Unterwerfung unter etwas Höheres bedeute. Darin sehe ich die Chance und die Herausforderung einer modernen Spiritualität: Spiritualität und Freiheit zusammen zu denken.

Aus dem Gefängnis des Persönlichen

e: Wie könnte eine Bildung aussehen, in der Freiheit und Spiritualität zusammenfinden?

JS: Ich lehne jede weltanschauliche Bevormundung der Bildung ab, wäre also sehr vorsichtig mit spirituellen Ideen in der Bildung von Kindern und Jugendlichen. Bildungseinrichtungen dürfen nicht weltanschaulich bevormundet sein. Dieser Gewinn der Aufklärung muss erhalten bleiben. Man kann aber Bildungsprozesse auf ganz anderen Ebenen initiieren, die diesen spirituellen Aspekt fühlbar und erahnbar machen. Wichtig ist, dass die Bildung sinnorientiert ist, dass Sinnerlebnisse erfahren werden können. Anstatt lediglich abstrakte Bildungsinhalte aufzunehmen, die ich dann für Prüfungen lernen muss – sprich sinnfreies Lernen – werden Lernprozesse so initiiert, dass die Menschen individuelle Sinnerfahrungen machen können. Lernprozesse können so gestaltet werden, dass Kinder, Jugendliche oder Studierende eigenaktiv und explorativ in Themenkomplexe eindringen und erforschen können, wo für sie Sinn- zusammenhänge entstehen.

Hier möchte ich nochmals auf die Bedeutung der Sache zurückkommen. Wenn man lernt, lernt man immer Etwas und dieses Was des Lernens halte ich für sehr wichtig. Es gibt die These, man müsste das Lernen lernen. Das ist so, als wenn man das Sprechen sprechen müsste. Das ist eine nette Redundanz, die aber keinen Inhalt hat. Man lernt nicht das Lernen, man lernt eine Sache. Wenn ich nicht nur Bücher und Lernstoffe aufnehme, die vorgegeben sind, sondern im Lernen eine Begegnung mit der Welt vermittelt wird, dann erschließen sich Sinnzusammenhänge und es vermittelt sich letztlich auch ein spirituelles Grundempfinden: Ja, es gibt etwas, das die Welt mir sagen kann, das ich nicht nur in mir finde. Dieses Sich-Belehren- lassen durch die Dinge weckt ein anderes Grundempfinden, das aus dem Gefängnis des bloß Persönlichen herausführt und eine Art Flow zwischen Subjekt und Objekt erzeugt.

¬Das Klassenzimmer wird zum Ort, in dem die Welt erscheinen kann. ¬

Das fängt bei der Naturerziehung an, bei der beispielsweise im Kindergarten Naturbegegnungen stattfinden: Die Kinder lernen Tiere kennen, erfahren tatsächliche Begegnungen und werden nicht nur mit fertigen Dingen, mit Artefakten des menschlichen Geistes konfrontiert. Jeder gemeinschaftliche Prozess, jeder soziale Prozess führt mich über mich hinaus. Deshalb sind Bildung- seinrichtungen wichtig, in denen Gemeinschaft ein Thema ist. Das Sitzenbleiben gehört daher nicht in den Prozess der Bildung, denn es zerstört Gemeinschaft. Natürlich kann ein Schüler aus bestimmten Gründen eine Klasse überspringen oder in andere Klassen versetzt werden, aber nicht, weil bestimmte Leistungen nicht erfüllt werden, sondern weil vielleicht für ihn die Gruppensituation nicht förderlich ist. Ein anderes Beispiel wäre, die Bedeutung des Spiels in der Kindheit zu berücksichtigen und als substanziellen Teil von Lernprozessen zu begreifen.

e: Was sind Beispiele für diese Bildungsarbeit aus deiner Erfahrung in der Waldorfpädagogik?

JS: Das personale und gemeinschaftliche Element kommt bei einer sechs oder acht Jahre währenden Klassenlehrerzeit zum Tragen, bei der die Schüler-Lehrerbeziehung Teil des Bildungsprozesses ist. Diese Beziehung ist frei von Noten, das heißt, es findet keine Leistungsselektion statt. Das ist ein Aspekt, den die Waldorfpädagogik zu realisieren versucht. Die Unterrichtsinhalte werden in einem Epochenunterricht vermittelt, bei dem man sich über lange Zeit mehrperspektivisch einer Sache nähert. Ein entscheidender Schritt der Waldorfpädagogik ist ein Erfahrungslernen, wobei ein anderer Umgang mit Zeit zentral ist. Die Kinder in der dritten Klasse bekommen zum Beispiel kein Buch über Ernährung, in dem sie darüber lesen, wovon und wie wir uns wie ernähren. Stattdessen ist es üblich, im Frühjahr einen Acker umzugraben, Saat auszusäen, den Acker zu pflegen, im Herbst zu ernten und dann aus dem gewonnenen Korn sein eigenes Brot zu backen. Das ist Erfahrungs- und Handlungslernen pur. Das Klassenzimmer ist kein von der Welt hermetisch abgeschlossener Raum, sondern wird zum Ort, in dem die Welt erscheinen kann.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Bedeutung des künstlerischen Unterrichts, der in der Waldorfschule sehr prominent ist. Das Künstlerische, die Möglichkeit individueller, non-formaler Betätigung ist selbstverständlicher Teil der Schule. Das darf nie für sich stehen, aber im Kontext mit anderen Fächern spielt es eine große Rolle. Das Individuum wird als Persönlichkeit in seiner Kreativität angesprochen und gefragt – und das nicht nur als Ausgleich, sondern als zentraler Bestandteil des Lernens. Man könnte auch die vielen Praktika nennen, beispielsweise ein Landwirtschaftspraktikum oder Sozialpraktikum, durch die es den Schülern der höheren Klassen möglich ist, stärker in die Welt einzutreten und darin und von ihr zu lernen.

Author:
Dr. Thomas Steininger
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