Jenseits der Monokultur

Our Emotional Participation in the World
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Interview
Published On:

October 19, 2016

Featuring:
Sabina Abdulajeva
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Issue:
Ausgabe 12 / 2016:
|
October 2016
Was können wir tun?
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Im Ökosystem unserer Erfahrung

Sabina Abdulajeva hat schon früh verschiedene Einflüsse kreativ verbunden. Geboren ist sie in Riga, hat in verschiedenen europäischen Ländern studiert und lebt heute in Berlin. Ihr Anliegen ist es, online und offline Foren für den interdisziplinären Dialog zu schaffen. Wir sprachen mit ihr über ihr Projekt La Foresta und wie sie sich von Wäldern inspirieren lässt.

evolve: Wie kam es zu deinem Interesse an interdisziplinären Projekten, in denen du unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsfelder miteinander verbindest?

Sabina Abdulajeva: Ich stamme aus einer sehr heterogenen Familie. Geboren bin ich in Riga, in der damaligen Sowjetunion, jetzt die Hauptstadt von Lettland. Mein Vater stammt aus Aserbaidschan, seine Großmutter war Jüdin und mit einem Moslem verheiratet und ihre Tochter, meine Großmutter, heiratete einen christlichen Georgier. Die Familie meiner Mutter stammt aus Estland mit einer Verbindung nach Deutschland. Diese wunderbare Vielfalt in meiner Familie ist wohl ein Grund, warum ich unterschiedliche Perspektiven und Weltanschauungen wertschätze.

Das Interesse an vielfältigen Sichtweisen hat auch mein Studium beeinflusst. Ich habe in unterschiedlichen Ländern studiert – Dänemark, Belgien und Spanien – und ziemlich oft das Studienfach gewechselt: von Wirtschaft mit einem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit zu Literatur und freien Künsten. Der kreative Geist des Menschen und sein Ausdruck in der Kultur und den Künsten faszinierten mich. Auf diesem Weg habe ich auch Methoden zur Schulung der Aufmerksamkeit, Körperarbeit und Bewegung kennengelernt. Ich habe also gewissermaßen mit den globalen Fragestellungen der nachhaltigen Entwicklung begonnen und mich dann zunehmend auf die Frage konzentriert, was es heißt, Mensch zu sein, und was meine eigene nachhaltige Entwicklung bedeuten kann. Ich habe verschiedene Bewegungstechniken erlernt, mein Fokus lag dabei auf der Grinberg-Methode und dem Impro-Theater von Jonathan Kay. So bin ich zu meiner heutigen Arbeit gekommen und gebe Workshops und Einzelunterricht für Erwachsene und Kinder in Kreativität, Bewegung, Theater und Selbstausdruck. Der Wunsch, Kreativität zu fördern und zu erforschen, steht auch hinter den unterschiedlichen interdisziplinären Projekten von La Foresta.

e: Was sind das für Projekte?

SA: Am Anfang war La Foresta eine Online-Plattform. Sie entstand aus der Erkenntnis, dass ich auf meinem Weg auf so viele interessante Menschen stoße, denen ich ein Forum geben wollte. Für die Website nehme ich Video-Interviews auf und schreibe Texte und gehe dabei Fragen nach, die mir selbst wichtig sind. Es gibt längere Interviews, die ich »Portraits« nenne, sie entstehen aus meinen Begegnungen mit Menschen, die mich faszinieren in der Weise, wie sie leben, die Welt sehen, sich engagieren und wie sie verschiedene Aspekte des Lebens wahrnehmen. Ich führe auch kürzere Interviews über spezielle Themen wie beispielsweise Kreativität, denn was mich mit am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass wir als Menschen diese schöpferische Fähigkeit besitzen: etwas, das es nicht gibt, in die Wirklichkeit zu bringen. Das ist das magische Moment des Menschseins. Für diese Reihe spreche ich mit Künstlern, Designern, Musikern und anderen Menschen, die in ihren Bereichen kreative Ideen verwirklichen.

¬ Mich fasziniert, etwas, das es nicht gibt, in die Wirklichkeit zu bringen. ¬

Daneben gibt es noch andere Projekte auf der Webseite, die etwas mit meinen Interessen zu tun haben. Und wie in einem echten Wald ist nicht alles vollkommen klar und vorherbestimmt. Wenn wir einen Wald betreten, wissen wir nicht, was wir sehen, welche Erfahrungen wir machen werden. Und genauso soll La Foresta ein »Ort« sein, den man entdeckt. Es ist für mich nicht ein Projekt, von dem ich alles weiß – ich erforsche es. Es handelt sich nicht um eine Vision in meinem Geist, an die ich dann die Realität anzupassen versuche. Ich versuche eher einen Ausdruck für meine Interessen zu finden und mit anderen zu teilen.

Mit »Woods in the City« weite ich das Projekt auf interdisziplinäre Konferenzen aus, wo sich Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen treffen und einander ihre Visionen, Ideen und Absichten vorstellen. Es ist ein Ort, wo gemeinsame Wege oder Projekte entstehen können. Aber ungeachtet der Ergebnisse ist allein schon der Prozess, in dieser Weise zusammenzukommen, ein Ziel in sich, eine wechselseitige Inspiration und Zusammenarbeit.

e: Wie würdest du die Entwicklung beschreiben, die du unterstützen möchtest?

SA: Unser Leben ereignet sich auf so vielen Ebenen. Ich glaube, wir müssen das ganze Spektrum der menschlichen Erfahrung anerkennen, seine Ganzheit. Diese Ganzheit wirkt einer eindimensionalen Sichtweise entgegen, die sagt, wie die Dinge sein sollten oder wie wir sein sollten. Was wir können und was wir sein wollen, ist bei jedem Menschen einzigartig. Darin liegt die Schönheit, denn dadurch entsteht eine interessante, vielgestaltige und vielschichtige Welt der Unterschiedlichkeiten – und nicht nur ein langweiliger Ort, wo alle gleich aussehen, dasselbe denken und dieselben Dinge tun. Das wäre eine langweilige Mono­kultur, kein Wald.

Wenn ich also über Entwicklung spreche, dann möchte ich Menschen darin unterstützen, all diese »Ebenen« der Erfahrung, die uns zugänglich sind, wertzuschätzen. Das bedeutet zum Beispiel zu lernen, wie wir das Wirkliche spüren können, wie uns die Welt berührt und was unsere ehrliche Antwort darauf ist. Es bedeutet zu lernen, wie wir uns einfacher und ehrlicher zum Ausdruck bringen können. Es bedeutet auch, darauf zu achten, wie wir die Welt und andere Menschen berühren, was die Absichten und Konsequenzen unseres Handelns sind. Es umfasst auch, dass wir unsere Grundlage wertschätzen, unseren Körper – das umfasst, wie wir uns bewegen, was wir essen, wie wir uns entspannen können, still sein können und herausfinden, was unser Wohlbefinden unterstützt.

e: Hast du deshalb die Metapher vom Wald als Namen für das Projekt gewählt?

SA: Ja, für mich steht diese Metapher für einen Wald, der uns immer umgibt. Die Metapher habe ich gewählt, weil ich den echten Wald sehr liebe. Ich sehe La Foresta wie einen Schirm, unter dem sich unterschiedliche Projekte versammeln, online und offline. Ich habe die Metapher des Waldes wegen der Vielfalt gewählt, für die er steht. In der Natur ist der Wald keine Monokultur, sondern eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren lebt darin – ­alle Arten von Lebewesen, die miteinander koexistieren, und jedes davon ist wichtig. Das hat einen Bezug zur Interdisziplinarität, die ja auch eine Unterschiedlichkeit beinhaltet, bei der wir in der Lage sind, einander nicht auszuschließen, sondern in einem Ökosystem zu existieren, in dem wir einander ergänzen.

Ein Wald existiert in und mit den Jahreszeiten, er verändert sich ständig. Keine Jahreszeit hat Priorität, alle sind wichtig. In den Märchen und Mythen geht man in den Wald, um herauszufinden, wer man selbst ist, man lernt etwas über sich selbst, man trifft seine Baba Jaga, also das, wovor man sich fürchtet. Im Wald gibt es zudem ein reiches unterirdisches Leben in den Wurzeln, sodass er sich nach unten in die Erde und nach oben zum Himmel streckt; es gibt eine Kraft, die ihn nach unten erdet und nach oben öffnet. Der Wald ist ein Lebe­wesen, ein Ort des Erforschens und der Begegnung, denn man befindet sich immer in der Gegenwart von anderen. Selbst wenn man »alleine« in den Wald geht, ist man immer in der Gesellschaft von vielen, vielen anderen. Und hier gibt es einen Bezug zum interdisziplinären Dialog, denn durch die Begegnung mit anderen erkennen wir uns selbst, Teile unserer selbst. Wir besinnen uns auf Teile unserer selbst, die wir verloren oder vergessen glaubten.

Author:
Mike Kauschke
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